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Auf den ersten Blick

So. Ich sitze in meiner Wohnung im 6. Stock ohne Aufzug (kann es nicht oft genug betonen), Autolärm im Ohr und Muskelkater in den Oberarmen (Koffer hochgeschleppt, siehe 1. Klammer). Schwächer werdendes Sonnenlicht strahlt durch die orangefarbenen Vorhänge, so wache ich jetzt jeden Morgen auf, im Licht, das ist fein. Und hier ist auch noch Sommer. Top!

Ein paar erste Eindrücke:

Es gibt durchaus arrogante Pariser. Etwa der Bankmensch, der mir heute morgen so laaaangsam wie möglich meine neue Mastercard überreicht und mich dabei auf extra schnellem Französisch vollgelabert hat. Maaan, ich weiß dass du deine Sprache beherrschst, du beeindruckst mich nicht! Aber es gibt auch höfliche. Etwa der Bankmensch, der sich geduldig mit mir und meinem Gestotter auseinandergesetzt hat, als ich ein Konto eröffnen wollte und mir eine Mastercard im Twilightdesign anbot. Normal schwarz war mir lieber. Fand er lustig.

Und: Ich habe einen Fernseher mit vieeeeelen Sendern. Die Franzosen synchronisieren mehr als ich gedacht hätte. Friends, How I met your mother, The Pretender (kennt das noch wer? Heißt hier „Le Caméléon“, Little Miss Sunshine ... Alarm für Cobra 11, Der Clown (OHNE WITZ, das ist auf Französisch sehenswert!). Mit den amerikanischen Serien hab' ich noch so meine Schwierigkeiten. Während wir das Englische sozusagen mit offenen Armen empfangen, gewähren die Franzosen ihm einen kleinen Platz an ihrer Seite. Auf Werbeplakaten zum Beispiel. Nicht, dass sie es korrekt aussprechen würden.Sie können's/wollen's halt meistens nicht. Muss ich immer lachen.

Außerdem: Hier zu leben wird einen guten Einfluss auf mein Organisationstalent haben. Und auf meinen Umgang mit Geld. Habe hier (noch) keine Kaffeemaschine und bin also auf Entzug. Eile zum nächsten Café, setze mich müde an ein kleines, rundes Tischlein und bestelle „un grand café“. Milch ist jetzt überbewertet. Ich schlürfe gierig, lese ein bisschen, gucke Leute, will gehen, zahle – 4,80 Euronen. Wawawa.

 

 

mein 1. wortspiel in frankreich^^ mona las also!

 

La police ist zuweilen auch zu Pferd an der Seine unterwegs

 

Für alle von der Lagrangefunktion gepeinigten Bwler, Vwlwe, Ex-Wiwis, Mathematiker, Phyiker etc. etc.

 

wonnd net gscheit fährsch, gibtsn rappel!

 

überall lustige, kleine pidos an den wänden


1.9.10 20:30


Die können NICHTS an der Sirene!

Der Sommer ist um. Aus und vorbei. Regen und grauer Himmel. Aber Paris ist auch dann sooo schön! Ich höre Edith Piafs La vie en rose und fühle mich heimelich. Vor mir der Blumenstrauß, den ich zusammen mit zwei Freunden (die hier aus rechtlichen Gründen anonym bleiben) ziemlich alkoholisiert ...sagen wir mitgenommen hab' und ein Bier.

So langsam rücken meine werten Kommilitonen an und quartieren sich bei mir ein. Uns erwartet ein Wohnungssuchemarathon. Bonne chance! Haben heute zur Besichtigung beispielsweise den siebten Stock zu einem „chambre de service“ erklommen. Man betritt den Eingang eines nobel wirkenden Gebäudes, folgt dem Vermieter und den anderen Interessenten durch ein schickes Foyer, wirft einen Blick auf marmorne Säulen, durchquert einen ansehnlichen Garten – zu einem weniger ansehnlichen Haus. Hier hauste früher unserer Vermutung nach das niedere Dienstpersonal. Schon bei der Kletterei wird man ob des Schummerlichts depressiv. Mittlerweile folgt einem der atemlose Vermieter. Am Anfang des sehr langen Korridors befindet sich das Klo, genutzt von allen Bewohnern der Etage, am Ende des sehr langen Korridors nun die Wohnung. 14 Quadratmeter, ziemlich groß also. Inklusive Küchennische, Dusche, Bett. Nicht schlecht! 500 Euro Miete. Ohne Strom und Internet. Nur zwei Bewerber bekunden Interesse, der Weg ist zu beschwerlich. C'est Paris!

Paris ist glaube ich ziemlich klein. Genau wie die Welt. Am Wochenende spazieren Waldi (mein erster Besuch im Franzland) und ich durch den herrlichen Tuilerienpark (bei Sonnenschein) und laufen OHNE WITZ der Mitbewohnerin meiner besten Freundin und ihrem Freund über den Weg. Sag ich, was ist hier los? Um die Worte eines zukünftigen Lehrers zu gebrauchen, der seinen Schülern viel beibringen wird: Das war episch!

Wie die Aussicht, die man vom Centre Pompidou aus genießen kann, oder ein paar hundert Meter entfernt von der Métrostation Belleville. Der Eiffelturm in seiner ganzen Pracht. Whoaaaa! Ab neun Uhr abends blinkt er stündlich. Ihr denkt, ihr kennt den ultimativen Blingblingmegakitsch? NICHT.

Wir flanierten außerdem über einen RIESENflohmarkt. FlipFlops, Tasche, Notting Hill-DVD auf Französisch (soviel zum Kitsch^^) sind jetzt in meinem Besitz. Der Flohmarkt erstreckte sich über eine große Avenue und mehrere Seitenstraßen. Eine Kaffeemaschine hätte ich auch gerne abgestaubt aber da war nix Passendes dabei.

Wir statten außerdem dem Cimetière du Père Lachaise einen Besuch ab, auf dem eine Menge berühmter Leute begraben sind. Honoré de Balzac, Victor Hugo, Edith Piaf, Frédéric Chopin, Molière, Oscar Wilde und vor allem Jim Morrison, den wir natürlich gesucht und gefunden haben, gleich nach dem Dönerfestmahl auf einer Friedhofsbank mit Blick auf ein kleines Mausoleum.

In meinem Zimmer muss man sich an Lärm gewöhnen. Vor der Tür Kinder, vor den Fenstern Autolärm. In der Nähe ist ein Krankenhaus, zu dem permanent Krankenwagen rasen. In Paris gibt’s kein typisches Tatütata. Die Melodie scheint nach Belieben zu variieren, zuweilen wird sie einfach unterbrochen. Atatütat gibt’s auch.

Meine Nachbarn sind die unfreundlichsten ever. Ich meinem Bad befindet sich zwar ein WC, verirrt sich darin aber Klopapier, gibt’s Verstopfung. Also ist es besser, seine Sitzungen auf der Toilette im Flur abzuhalten. Gestern Abend klopft mein Nachbar, den ich bis dato noch nie zu Gesicht bekommen hatte. Ohne Gruß und ohne sich vorzustellen plärrt er, ich solle meinen Gästen gefälligst nicht erlauben, das Gemeinschaftsklo zu benutzen, wo ich doch ein eigenes hätte. Total überwältigt von soviel Unverschämtheit erkläre ich ihm den Sachverhalt. Er versteht's nicht. Ich habe keine Lust mich zu streiten und nicke. Da geht er einfach. Habe meinem Kommilitonen trotzdem erlaubt, da weiterzumachen. Heute lag der Klodeckel vom Gemeinschaftsklo vor meiner Tür. Was kommt als Nächstes? Ein Pferdekopf?!

 

Straßenkunst!

 
 
 
 
 
 
Jimmy!
 
 
 
 


9.9.10 17:39


In der Rue Daguerre ist die Welt noch in Ordnung

Wie die einfach aus Prinzip streiken. Ich höre mäßig beeindruckt von der Empörung über die Erhöhung des Renteneintrittsalters. Auf 62. Ja heult doch, echt mal.

Außerdem wurde der Eiffelturm wegen Bombendrohung evakuiert und überhaupt wurde vermehrt mit Anschlägen gedroht. Na toll. Frustriert von soviel Unmut und der Idiotie Sarkozys nehme ich mein altes Französischbuch zur Hand.

Julien wohnt in Paris. Er hat einen Papagei. Der heißt Arthur. Arthur est un perroquet. Es gibt auch noch Minnie, eine Maus. Die ist im Karton. Qu'est-ce qu'il y a dans le carton? Julien holt ein Baguette. Mit seinem Skateboard. Der Depp passt nicht auf und BOUM, c'est le choc! Immer uffpasse, Boi! Es gibt auch noch Monsieur Lacombe und Madame Blanchard. Alle wohnen sie in der Rue Daguerre und siehe da, die gibt’s tatsächlich! Wollte da mit einer der Kommilitoninnen eine Wohnung anschauen. Wir wurden versetzt. Das war der Makel, denn da zu leben ist wahrhaft wie im Bilderbuch! Fußgängerzone, überall Marktstände und Cafés und kleine Läden und nette Menschen. Am liebsten wäre ich geblieben, da ist die Welt noch in Ordnung.

Stattdessen fahre ich zurück in mein Viertel. Auf dem Spielplatz hocken oder stehen die Leute und unterhalten sich. Bei dem Spielplatz wird auf einem Basketballplatz auch sehr ghettomäßig gezockt, die Anlage ist umzäunt. Man steigt also aus der Metrostation aus und stempelt die Gegend automatisch ab. Faaaalsch. Hier hat mich noch keiner dumm angegafft oder gar angemacht (ganz anders, als in Schickimickivierteln, übrigens). Vor der Tür zum Haus, in dem ich wohne, steht manchmal eine Gruppe Männer rum. Die Tür ist quasi blockiert. Aber immer weichen sie sofort zurück, bieten Hilfe an, wenn sie sehen, dass ich mit meinen Einkäufen nicht klar komme. Anders als der arrogante Bankmensch oder mein doofer Nachbar. Der verhält sich nun übrigens ruhig. Ob er meinen Blog liest?

23.9.10 23:02


In der Höhle des Drachen

Ich mache mich auf zur Uni, der Papierschlacht die Stirn zu bieten und meinen Studentenausweis zu erlangen. Als eines jener Opfer, die aufgrund ihres Nachnamens immer zu den Letzten gehören, wurde ich von meinen werten besserbenamten Kommilitonen schon diversen Schauergeschichten über die französische Unibürokratie ausgesetzt. Man müsse noch Motivationsschreiben und Lebenslauf nachreichen und außerdem einen Sprachtest machen und mindestens drei Passfotos dabei haben. Die Sekretärin, die sich der Erasmusstudenten annimmt, sei ein richtiger Drachen.

Halb nervös, halb lustlos laufe ich zum Gebäude für „Relations internationales“, was darunter mit „internationale Verhältnisse“ übersetzt ist ^^. Raum 105 finde ich recht schnell, es ist der, vor dem sich etwa 20 Leute tummeln. Die gefühlte Wartezeit beträgt fünf Stunden. Als ich endlich an der Reihe bin, muss ich natürlich bereits dringend auf Toilette. Ich lasse mir erklären, dass der Sprachtest verpflichtend ist, ein Einschreiben in einen Sprachkurs aber nicht. Nach dem Sinn traue ich mich nicht zu fragen und beschließe, auf den Test zu verzichten.

Dann werde ich zum Drachen geschickt. Der soll mich einschreiben. Es handelt sich um eine tatsächlich außergewöhnlich strenge Frau, die aber, als sie meine Unterlagen einsieht, ein mitleidiges und freundliches Gesicht macht: „Ah, Sie sind das Mädchen, das VWL studiert. Die einzige!“ Sie hätte mich auch gleich als armes Opfer bezeichnen können. Es stellt sich heraus, dass es bei VWL mehrere Optionen gibt. Internationale VWL, VWL und Politik, Geld, Bank und Finanzen und so weiter. Welche ich wolle. Ich wusste nicht, dass ich wählen kann, sage ich und auch, dass meine Vorgänger immer Geld, Bank und Finanzen belegt haben. Sie will, dass ich es mir gut überlege und dann wieder komme. Ich will nicht nochmal hier rein. Ich will meinen Ausweis. Bei einem Blick auf mein Passbild (das ich vor ein paar Monaten zusammen mit meinem Antrag bereits eingeschickt habe), wird ihr Gesicht noch freundlicher. „Sie sehen hier aus wie Carla Bruni!“ Betroffen überlege ich, welche Reaktion jetzt angebracht ist. Findet sie mich hübsch oder dass ich Haut wie ein Plastikeimer habe? Dann kommt mir der Gedanke, dass die Franzosen ihre First Lady lieben und entscheide mich für ein geschmeicheltes Lächeln. Frau Drache merkt das und relativiert sofort ihre Aussage: „Aber nur auf dem Bild! Jetzt haben Sie ja viel hellere Haare! Sie sollten sie unbedingt wieder dunkel färben!“ Ich argumentiere mit Natürlichkeit, aber das lässt sie nicht gelten. Ich traue mich nicht, mich mit ihr anzulegen.

Plötzlich fällt ihr wieder ein, warum ich hier bin (meine Blase macht sich bereits auf den großen Knall gefasst) und sagt, sie könne mich für Geld, Bank und Finanzen nur mit einer Bestätigung von meiner Mainzer Fachkoordinatorin einschreiben. Ich bemühe mich, ruhig zu bleiben. Frau Drache drückt mir ein Telefon in die Hand, ich muss anrufen. Tingeling, Mainz meldet sich, ich schildere entnervt mein Problem, das mit der Bestätigung ist neu, aber es gibt ja Fax, das wird gemacht, ich werde eingeschrieben, ICH HAB'S GESCHAFFT. Ich muss ein Stockwerk runter, erneut einen Raum suchen. Da sitzen Leute hinter Computern und tippen. Ich bin richtig. Mein toller, neuer Studentenausweis ist schick. Mit Bild (und nein, ich gleiche der Bruni nicht einmal annährend!!!) und stabil. Sehr erleichtert mache ich mich auf, den Mensaausweis zu finden ...

2.10.10 18:00


Lernen, lernen, lernen po pernen!

Wenn die Pariser (vielleicht auch die übrigen Franzosen) überlegen, was sie sagen wollen, sagen sie „bah“. Es hat die gleiche Bedeutung wie „ähm“ und wird sehr häufig benutzt. Selbst bei mir schleicht es sich schon ein. Bei unserem Statistikprof klingt es wie ein Rülpsen ins Mikro und niemand versteht, warum ich bei jedem Bah fast unter der Bank liege. 

Der Unialltag. Ich habe jetzt einen. Einen Alltag meine ich, mit verpflichtenden Tds (travaux dirigés), das sind Übungen und eeeewiglangen Cm (cours magistraux), das sind Vorlesungen. In Mainz hatte ich pro Semester vier Fächer mit je einer Übung und einer Vorlesung, die in der Regel je eineinhalb Stunden dauerten. Ich musste in jedem Fach eine Klausur bestehen (4gewinnt!). Keine Hausarbeiten, keine Referate. Hier habe ich fünf Cm mit jeweils einem Td. In den Tds schauen sie auf Mitarbeit, man diskutiert hier zuweilen über das, was man studiert. Wenn ich dann irgendwann mal endlich alles verstehen sollte, was die Dozenten da auf schnellstem, undeutlichstem Französisch palawern, kann ich mich evtl. auch beteiligen. Zwei interkulturelle Kurse und Englisch müssen wir auch belegen. In Englisch werden wir die Franzosen dermaßen wegdominieren, die können ja nichts an anderen Sprachen.

Dafür sind sie groß im Streiken. Jipjip, da hab ich mich gefreut, als einfach ein kompletter Tag FREI WAR wegen des Streiks gegen die Rentenreform. Das war schon sehr top, nur langsam nervt es, weil ständig alle Metros total verstopft sind und ich schon um sechs Uhr aufstehen muss, weil ich Angst habe, ich schaff' es sonst nicht pünktlich zur Uni und dann kann ich meine Unterschrift nicht auf die Kursliste setzen, was zur Folge hat, dass ich fehle, und wenn man dreimal fehlt, ist das schlecht. Null Creditspoints und so. 

Das heißt, es ist nicht mehr so wie in alten Zeiten, dass ich einfach liegen bleibe, wenn ich keine Lust habe. Und da meine Kurse jeden Tag zwischen acht und neun anfangen, stehe ich jeden Tag um sechs oder halb sieben auf. Woran erinnert uns das? Schule. Nur, dass Mama einen nicht mehr weckt, wenn man verschläft...

Von Krawallen, brennenden Autos etc. hab' ich bisher übrigens noch nichts mitbekommen. Obwohl die Uni in Nanterre liegt, also nicht in der privilegierten Innenstadt. Einmal haben sie wohl die Mensa attackiert, Steine gegen die Fenster geworfen und die Tür demoliert, aber da war ich nicht vor Ort. 

In Paris ist das meiste unfassbar teuer, anderes aber auch wieder nicht. Einerseits habe ich heute Nacht um vier Uhr mit zwei Freunden einen Burger, Pommes und ein paar Salatbätter für 17 EURO gefuttert (also für jeden). Draußen war es kalt, wir hatten keine Lust, in so einen Schickimickiclub beim Arc de Triomphe zu gehen, der nach Geld stank und außerdem schlechten HipHop spielte. Wir wären wohl ohnehin nicht reingekommen. So ohne blondgefärbt und Gürtel äh Rock erfährt frau nicht die Gnade dieser Proletenschuppen. Mit ihren 2cl Vodkagläschen für 20 Euro. Bah.

Wie auch immer, stattdessen liefen wir etwas durch Paris by night, stiegen in einen Bus ein und landeten bei der Bastille. Weil es bibberkalt war und wir auf die 1. Metro um halb 6 warten mussten, setzten wir uns in das einzige Bistro, das um 4 noch/schon auf hat (nix Musikparkdöner am Berlinerplatz, schön wär's!) und schnabulierten das Billigste auf der Karte. War sehr lecker gewesen. Andererseits kostete und die Karte für 3D Despicable Me grade mal sieben Euro. Das ist sogar im Verhältnis zu Deutschland billig. Für Studenten geht hier einiges.

Haha, und in der Metro haben sie auf diversen Sprachen Vorsichtsschilder angebracht. Auf Deutsch steht da: „Notausstieg. Am Griff zichen. Nach dem vollständigen Stillstand des Fahrz die Türen aufdrücken.“ Süß, oder? Wieder eine Situation, in der ich wie eine Irre vor mich hingrinsend durch Paris fuhr. Hier ist es meistens lustig^^

PS: Ich muss meine Aussage über die Prollodisko relativieren. Heute wurde mir erzählt, dass man da drin auch mit Jeans Spaß haben und teils gute Musik hören kann.

21.10.10 22:58


In Paris geht man nicht einfach mal eben in den Supermarkt, weil man noch Milch braucht. Selbst wenn es einem gelingt, schnell alles zu finden und nicht einen weiteren Nervenzusammenbruch bedingt durch die horrenden Preise erleidet, verbringt man 80% seines Aufenthalts im marché – an der Kasse. Die Kassiererinnen (ich habe noch keinen Mann an einer Supermarktkasse gesehen!) haben die Ruhe weg. Die chillen SO RICHTIG bei der Arbeit. Die Artikel werden in Zeitlupentempo an das Piepsdings gehalten und vorbeigeschoben, der Kunde ist eh Luft, es wird mit den Kollegen getratscht. Einmal hielt meine Kassiererin zwischen Baguette und fromage inne, um sich die Hände einzucremen. Die Kunden verhalten sich, nicht zu vergessen, aber genauso. Der Deutsche an der Supermarktkasse packt so schnell wie möglich alles in seine mitgebrachte Einkaufsstofftasche (Nachhaltigkeit!), und zwar WÄHREND die Ware registriert wird, um rechtzeitig das Geld parat zu haben und bloß niemanden aufzuhalten. Der Franzose wartet, bis alle Einkäufe hinter der Kasse liegen, packt dann seelenruhig ein, bemerkt, dass er noch eine Plastiktüte (Umweltschutz ist überbewertet) benötigt, kramt dann nach Bargeld, hat nicht genug dabei, zückt die Kreditkarte, die in zwei von drei Fällen erst beim DRITTEN MAL funktioniert. Während ich vor Ungeduld beinahe platze und nur noch den Kopf schütteln kann, bemerkt der Rest in der unvorstellbar langen Schlange nicht einmal, dass es sich hier um Zeitverschwendung handelt! Ich übertreibe nicht, Leute. Noch nie zuvor habe ich erlebt, dass Klischees über Deutsche (Gründlichkeit) und Franzosen (Ruhe) so intensiv bestätigt wurden! Ich wäre gerne so gechillt. 

Heute ist unifrei, weil die Franzosen den Tag der deutschen Kapitulation im ersten Weltkrieg feiern^^ Patriotismus ist hier schon angesehen, auch das ist mir fremd. Dazu ein andermal mehr.


 Muss lernen, kann nicht viel schreiben, stattdessen ein paar Bilder.

 "Ich mag mein Viertel! Ich mach hinter meinem Hundi saubär!"

Sicher?

Immer süß, wenn sie übersetzen

Geniale Hauswandkunst!

Das spricht ja wohl für sich

Alles episch in Paris!



12.11.10 00:11


I'll be home for christmas

Paris wandelt sich vom einen Augenblick zum anderen, Schritt für Schritt, Straße für Straße, Station für Station. Erst drängt man sich durch Menschenmassen, die sich auf dem Bürgersteig tummeln, es riecht nach gebratenen Maiskolben, die indisch aussehende Männer in Einkaufswagen grillen und billig verkaufen.

Man zwängt sich gerade noch so in die Metro, bevor sich die Tür mit einem penetranten Signalton schließt und erträgt die unliebsame Nähe zu völlig Fremden. Offenbar haben sich sämtliche Pariser entschieden, zu diesem Zeitpunkt in diesem Wagen zu fahren. Die Luft ist stickig und manchmal kann es passieren, dass die Metro minutenlang an einer Haltestelle steht. Vor ein paar Tagen zB, weil jemand „auf die Gleise marschiert“ war. Jeder in der Metro konnte in seiner unbeweglichen Position die Funksprüche der Metrofahrer hören und jeder muss gehofft haben, dass dieser Jemand nicht hinuntergeschubst worden war. In solchen Momenten entsteht unter sovielen einander völlig fremden Menschen ein stilles Einverständnis, wie es immer ist, wenn ein Problem eintritt, das viele aufeinmal betrifft. Dieses Einverständnis geht über Herkunft und Sprache hinaus. Man tauscht genervte Blicke aus und seufzt „incroyable“ und erntet beifälliges Nicken.

In solchen Momenten erscheinen die eigenen Probleme beinahe nicht existent, wenn man einer von vielen ist. Deshalb liebe ich das Metrofahren. Es gibt immer etwas zu sehen und viele, so viele verschiedene Menschen. Keinem sieht man an, welche Sprache er spricht, ob er Tourist ist oder Einwohner. Wer sich langweilt beim Metrofahren, weil er nichts zu lesen dabei hat, kann ein Ratespiel draus machen.

Man steigt schließlich zehn Stationen später aus und findet sich in einem völlig anderen Umfeld wieder. Es sind nicht so viele Menschen unterwegs, die Straßen sind weitläufiger und die Architektur der Gebäude, die sich in Paris kaum ändert, egal in welchem Quartier man sich befindet, entfaltet sich hier mehr als in den belebteren Vierteln: Hohe Häuser, Altbau, schick verzierte Fensterrahmen. Die Läden ändern sich, es ist schicker, die Leute sind reicher, die Autos dicker.

Aber egal, wo man gerade spazieren geht, ob im ersten oder im achtzehnten Arrondissement, überall picken fette Tauben Krümel vom Asphalt, leuchten Blitzlichter von Digicams, werden Hubkonzerte gegeben. Hupen scheint hier hobbymäßig betrieben zu werden.

Noch nie habe ich es so sehr genossen, einfach nur alleine durch die Gegend zu laufen, egal, bei welchem Wetter. Wenn man den Kopf freibekommen will, hilft nichts besser, als einfach durch eine Straße von Paris zu flanieren. An irgendeiner Wand prangt ein geniales Graffiti, auf irgendeinem Schild steht ein lustiges Wort. Irgendwas passiert immer.

Mein bestes touristisches Erlebnis diesen Monat: den Arc de Triomphe erklimmen. Ich behaupte, man hat da den besten Blick über Paris. Man sieht alles. Die Avenue des Champs – Elysées liegt einem breit und symmetrisch zu Füßen und der Eiffelturm ist quasi mit der Hand greifbar.

Apropos Eiffelturm: Ein sehr heller und weitreichender Scheinwerfer leuchtet an der Spitze, wenn es dunkel ist und dreht sich um die eigene Achse, sodass alles im Umkreis von weiß ich nicht wieviel Kilometern mal das Gefühl hat, angeleuchtet zu werden. Der Herr der Ringe lässt grüßen! Liebe Nerdfreunde, das ist Saurons Auge!

Es ist bitterkalt hier. Der tolle Schnee, der euphorische vorweihnachtliche Gefühle in mir geweckt hat, ist zu grauem Matsch geworden und Streusalz scheinen die hier nicht zu haben. Der Pariser Weihnachtsmarkt war schön, aber er hat mein Heimweh und meine Sehnsucht nach Deutschland noch verstärkt (siehe Bilder).

Es fällt mir noch immer schwer, mich an den Unialltag und die permanenten Überprüfungen zu gewöhnen und ich habe nie das Gefühl, genug gelernt zu haben. In unserem interkulturellen Kurs sprechen wir über Klischees über Deutsche und Franzosen. Etwa, dass die Franzosen von Kindesbeinen an auf Karriere getrimmt werden und daher an ständigen Stress gewöhnt sind. Die Deutschen dagegen, die angeblich eine auf soziale Gefüge und rücksichtsvolles Verhalten gerichtete Erziehung genießen, nehmen sich viel Zeit für eine detaillierte Arbeit. Stimmt das so? Bin ich deshalb so ausgelaugt? Denn das bin ich, obwohl ich in einer Stadt lebe, die mich fasziniert und die soviele Dinge bereithält. Ich erlebe soviel und doch besteht mein Alltag hauptsächlich aus Lernen, lernen, lernen po pernen.

Louis Armstrong swingt durch meine Wohnung, „Zat you, Santa Clause?“ singe ich mit und bin sicher, dass ich meine sonst ihrerseits lärmenden Nachbarn zur Weißglut bringe. Meine Mama hat mir einen Adventskalender geschickt, ich habe mir einen Adventskranz aus vier Teelichtern gebastelt, ich esse Mandarinen und Nüsse. Und ich kann es kaum erwarten, dass die beiden Klausuren diese Woche endlich vorbei sind, sogar das Ergebnis ist mir egal, und ich endlich nach Hause fahren kann. I'll be home for christmas.

 

 Louis Vuitton Schaufenster


14.12.10 00:53


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