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I'll be home for christmas

Paris wandelt sich vom einen Augenblick zum anderen, Schritt für Schritt, Straße für Straße, Station für Station. Erst drängt man sich durch Menschenmassen, die sich auf dem Bürgersteig tummeln, es riecht nach gebratenen Maiskolben, die indisch aussehende Männer in Einkaufswagen grillen und billig verkaufen.

Man zwängt sich gerade noch so in die Metro, bevor sich die Tür mit einem penetranten Signalton schließt und erträgt die unliebsame Nähe zu völlig Fremden. Offenbar haben sich sämtliche Pariser entschieden, zu diesem Zeitpunkt in diesem Wagen zu fahren. Die Luft ist stickig und manchmal kann es passieren, dass die Metro minutenlang an einer Haltestelle steht. Vor ein paar Tagen zB, weil jemand „auf die Gleise marschiert“ war. Jeder in der Metro konnte in seiner unbeweglichen Position die Funksprüche der Metrofahrer hören und jeder muss gehofft haben, dass dieser Jemand nicht hinuntergeschubst worden war. In solchen Momenten entsteht unter sovielen einander völlig fremden Menschen ein stilles Einverständnis, wie es immer ist, wenn ein Problem eintritt, das viele aufeinmal betrifft. Dieses Einverständnis geht über Herkunft und Sprache hinaus. Man tauscht genervte Blicke aus und seufzt „incroyable“ und erntet beifälliges Nicken.

In solchen Momenten erscheinen die eigenen Probleme beinahe nicht existent, wenn man einer von vielen ist. Deshalb liebe ich das Metrofahren. Es gibt immer etwas zu sehen und viele, so viele verschiedene Menschen. Keinem sieht man an, welche Sprache er spricht, ob er Tourist ist oder Einwohner. Wer sich langweilt beim Metrofahren, weil er nichts zu lesen dabei hat, kann ein Ratespiel draus machen.

Man steigt schließlich zehn Stationen später aus und findet sich in einem völlig anderen Umfeld wieder. Es sind nicht so viele Menschen unterwegs, die Straßen sind weitläufiger und die Architektur der Gebäude, die sich in Paris kaum ändert, egal in welchem Quartier man sich befindet, entfaltet sich hier mehr als in den belebteren Vierteln: Hohe Häuser, Altbau, schick verzierte Fensterrahmen. Die Läden ändern sich, es ist schicker, die Leute sind reicher, die Autos dicker.

Aber egal, wo man gerade spazieren geht, ob im ersten oder im achtzehnten Arrondissement, überall picken fette Tauben Krümel vom Asphalt, leuchten Blitzlichter von Digicams, werden Hubkonzerte gegeben. Hupen scheint hier hobbymäßig betrieben zu werden.

Noch nie habe ich es so sehr genossen, einfach nur alleine durch die Gegend zu laufen, egal, bei welchem Wetter. Wenn man den Kopf freibekommen will, hilft nichts besser, als einfach durch eine Straße von Paris zu flanieren. An irgendeiner Wand prangt ein geniales Graffiti, auf irgendeinem Schild steht ein lustiges Wort. Irgendwas passiert immer.

Mein bestes touristisches Erlebnis diesen Monat: den Arc de Triomphe erklimmen. Ich behaupte, man hat da den besten Blick über Paris. Man sieht alles. Die Avenue des Champs – Elysées liegt einem breit und symmetrisch zu Füßen und der Eiffelturm ist quasi mit der Hand greifbar.

Apropos Eiffelturm: Ein sehr heller und weitreichender Scheinwerfer leuchtet an der Spitze, wenn es dunkel ist und dreht sich um die eigene Achse, sodass alles im Umkreis von weiß ich nicht wieviel Kilometern mal das Gefühl hat, angeleuchtet zu werden. Der Herr der Ringe lässt grüßen! Liebe Nerdfreunde, das ist Saurons Auge!

Es ist bitterkalt hier. Der tolle Schnee, der euphorische vorweihnachtliche Gefühle in mir geweckt hat, ist zu grauem Matsch geworden und Streusalz scheinen die hier nicht zu haben. Der Pariser Weihnachtsmarkt war schön, aber er hat mein Heimweh und meine Sehnsucht nach Deutschland noch verstärkt (siehe Bilder).

Es fällt mir noch immer schwer, mich an den Unialltag und die permanenten Überprüfungen zu gewöhnen und ich habe nie das Gefühl, genug gelernt zu haben. In unserem interkulturellen Kurs sprechen wir über Klischees über Deutsche und Franzosen. Etwa, dass die Franzosen von Kindesbeinen an auf Karriere getrimmt werden und daher an ständigen Stress gewöhnt sind. Die Deutschen dagegen, die angeblich eine auf soziale Gefüge und rücksichtsvolles Verhalten gerichtete Erziehung genießen, nehmen sich viel Zeit für eine detaillierte Arbeit. Stimmt das so? Bin ich deshalb so ausgelaugt? Denn das bin ich, obwohl ich in einer Stadt lebe, die mich fasziniert und die soviele Dinge bereithält. Ich erlebe soviel und doch besteht mein Alltag hauptsächlich aus Lernen, lernen, lernen po pernen.

Louis Armstrong swingt durch meine Wohnung, „Zat you, Santa Clause?“ singe ich mit und bin sicher, dass ich meine sonst ihrerseits lärmenden Nachbarn zur Weißglut bringe. Meine Mama hat mir einen Adventskalender geschickt, ich habe mir einen Adventskranz aus vier Teelichtern gebastelt, ich esse Mandarinen und Nüsse. Und ich kann es kaum erwarten, dass die beiden Klausuren diese Woche endlich vorbei sind, sogar das Ergebnis ist mir egal, und ich endlich nach Hause fahren kann. I'll be home for christmas.

 

 Louis Vuitton Schaufenster


14.12.10 00:53
 


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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


evel (14.12.10 23:07)
ach mein kleiner pido! das hast du aber alles sehr hübsch beschrieben, meine ich! und iss ganz viele mandariner, dann wird das schon alles gut mit den klausüren und so!

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