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Ich habe nun schon von mehreren Lesern zu hören bekommen, mein Blog wirke stellenweise etwas franzosenfeindlich. Dieses Missverständnis möchte ich fix aus dem Weg räumen, ich lebe schließlich hier und will's mir mit keinem Landsmann verscherzen!

Rege ich mich über die Langsamkeit der Franzosen auf, ist es nur Ausdruck meines schier unendlichen Neids auf ihre Gabe, Probleme mit unerschütterlicher Ruhe und Gleichgültigkeit kunstvoll zu missachten. Ist die Herzinfarktrate wesentlich niedriger als in Deutschland? Würde mich nicht wundern.

Dann hätten wir ja noch den Straßenverkehr, der auf Frankreichs Autobahnen traumhaft gut funktioniert, weil es keine lästigen Raser gibt. Sobald man sich aber auf dem boulevard périphérique befindet, um in Paris einzufahren, bekommt man Todesangst. Also als Deutscher. Denn als solcher, das lernen wir in unserem bereits erwähnten Kurs „Communication interculturelle“, tendiert man dazu, sich an Regeln zu halten und sich darauf zu verlassen, dass auch andere dies gewissenhaft tun, insbesondere, wenn es ums Autofahren geht. Nicht so in Paris! Von der Nettigkeit anderer auszugehen, IST EIN FEHLER. Ich übertreibe nicht. Eine gute Freundin, die mich in Paris besucht hatte und nach einer Odyssee heil daheim angekommen war, postete erleichtert auf Facebook, sie führe künftig nur noch auf Ketten nach Paris. (Man zeige diesen Satz bitte keinem Franzosen, es tut mir Leid, das musste rein^^)

Es ist, als käme man als Kind in einen Kiosk und erwartet, ein Bonbon geschenkt zu bekommen, weil man so süß ist und für Mami eine Illustrierte kauft. Der mürrische, dicke Verkäufer aber denkt gar nicht daran, einem das Bonbon zu gewähren, er will die Bonbons für sich und stopft sie vor den Kindesaugen in sich hinein. Wenn das Kind wirklich ein Bonbon will, bleibt ihm nichts anderes übrig, als den Verkäufer abzulenken („Ich hätte gern noch ein Päckchen Zigaretten“ und schnell und geschickt in das Bonbonglas zu greifen.

Übertragen wir das auf die avenues parisiennes: NIEMALS wird, geneigter Fahrer, dir ein anderer Fahrer Vorfahrt gewähren, dich in eine Lücke lassen, das Reißverschlussverfahren anwenden, bei einem Zebrastreifen ohne Ampel halten. Selbst dein Navigationssystem wird dich bei der Suche nach dem teuren Parkhaus im Stich lassen und sich auf die Seite des verwirrenden Parisersystems schlagen, es wird dich mit freundlicher Stimme in Sackgassen locken, dich in Einbahnstraßen lotsen, dir vorgaukeln, das Ziel sei nahe, nur um dich kurz darauf zu bitten, wenn möglich umzukehren.

In Deutschland ist eines der wichtigsten Dinge die Vorfahrt des Kreisverkehrs. Wie oft hat man diesen blöden Kreisel geübt. In den zweiten Gang, schön warten, ob das kommende Auto rechtsblinkt, sich ärgern, wenn es nicht blinkt und doch den Kreisel verlässt. Man ist routiniert.

Man hat Todessehnsucht und entscheidet sich beim Arc de Triomphe ein bisschen zu cruisen. Hier haben wohl die von außen Vorfahrt, der Kreisel stoppt manchmal. Es ist besser als Kino, auf den Arc de Triomphe zu steigen und einfach zu genießen, wie Spielzeugautos nicht wissen, wo sie hinfahren.

 Einer der Texte die wir in besagtem Kurs lesen, zeigt, dass die agressive Fahrweise der Franzosen genauso durch ihre Erziehung bedingt ist, wie die rücksichtsvolle Fahrweise der Deutschen: die Franzosen unterstellen einander von vornherein einen Hang zur Regelwidrigkeit und werden also umso aufmerksamer und rücksichtslos fahren! Das ist purer Überlebenswille! Lange Rede, kurzer Sinn, Hut ab vor der Fahrtüchtigkeit der Franzosen und ihrer Musikalität wenn es ums Hupen geht. Morgen für Morgen ist ein solches Konzert mein Wecker.

Ein weiterer Punkt, der mich einen leichten Knicks vor den französischen Schülern und Studenten machen lässt, ist dieser Leistungsdruck, unter dem sie permanent stehen müssen. Um mich wieder auf unseren Kurs zu beziehen, der kleine Franzose wird demnach von Kindesbeinen an auf Karriere getrimmt, bloß keine Fehler machen! Da kann man ja nicht anders, als entweder ein easygoing Chiller oder ein karrieregeiler Elitestudent werden. Oder beides. Kein Wunder, dass die französische Mentalität einem zuweilen etwas schizophren erscheint! Einerseits savoir-vivre, baguette, camembert, soupe du jour, boeuf, andererseits carrière, travail, cigarette, portemonnaie!

Aber ist es nicht toll, wenn solche Eigenschaften effizient vereint werden? Ich habe französische Kommilitonen, die das, soweit ich sie einschätzen kann, bis zu einem gewissen Grad repräsentieren. Immer viel lernen, sich aber keinen Stress machen. Ich sag's ja, so wär' ich auch gern!

Schließlich, der Patriotismus. Hach, ich muss schon sagen, ich wäre ja gern etwas patriotischer. Aber eine bedingungslose Liebe zu unserem Land ist uns Deutschen nicht vergönnt. Anders als bei den Amis oder eben den Franzosen. Patriotismus hat oft etwas mit Unreflektiertheit zu tun. Jedes Land hat Dreck am Stecken, keines geht so reuevoll mit diesem Dreck um, wie Deutschland. 

Jeden zweiten Tag der gleiche Smalltalk:

- „Erasmus?“

- „Oui.“

- „Wo kommst du her?“

- „Aus Deutschland.“

- „Oh cool, l'Allemagne, da war ich schon mal!“

- „Oh cool ,wo?“ (In Wirklichkeit denke ich mir): „Oh, wen  wundert's, wir sind jetzt auch nich soo weit von eineinander weg.“

Einmal ging der Smalltalk etwas anders weiter als sonst.

- „In Hamburg.“

- „Und, hat's dir gefallen?“

- „Ja, war sehr toll! Naja, es ist nicht Paris, aber..“

- „Nein, das ist es nicht.“

- „Zuerst hatte ich ja etwas Angst, hinzufahren.“

- (Traue meinen Ohren nicht) „Warum?“

- „Du weißt schon...wegen der ganzen Geschichtsbücher und so...“

- (Kämpfe gegen den Drang an, nicht die Augen zu verdrehen) „Aha.“ (Würde gerne sagen, dass es damals auch französische Schweine gab, die kollaboriert haben, aber das Wort für Schwein fällt mir nicht ein.

So. Und genau davon spreche ich. Das nervt mich. Das ist unsensibel und ich wette, hätte ich etwas derartiges über Frankreich gesagt, wäre die Antwort nicht „Aha“ gewesen. Außer über Sarkozy vielleicht. Aber auch hier spricht wieder der Neid aus mir. Die Franzosen haben ihre Liebe zum Land und zu ihrer Sprache, sie lieben ihre Sprache so sehr, dass sie sich absolut dagegen wehren, andere richtig auszusprechen. Als wir mal darüber sprachen, wie Englisch in der französischen Schule beigebracht wird, kam heraus, dass es als uncool galt, Englisch englisch auszusprechen. Die Franzosen wissen ganz genau, wie sexy sie klingen!Erinnern wir uns, bei uns war es peinlich, wenn man das „th“ wie „s“ aussprach und cool, wenn man keinen german accent hatte. Wie bereits gesagt, wir dominieren unsere französischen Kommilitonen weg im Englischunterricht und die wissen auch ganz genau, dass sie's nicht können. Aber da dies aus ihrem nationalen Selbstbewusstsein resultiert, ist es doch wieder weniger ...dominant^^Ein Freund sagte mal, "die Franzose, selbst wenn se fluchen, klingen se elegant!" Was für eine schöne Sprache, die das von sich behaupten kann!

10.1.11 16:13
 


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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Nesselpopessel (30.1.11 19:04)
Habe mich sehr amüsiert! Du bist mein gute-Laune-Break. Und meine Mutti liest mit... Hier ein Tipp für Dich von Ulrich Wickert, der alle Autos aufm Place de la concorde wegdominiert, de Boy: http://www.youtube.com/watch?v=p0CkupZZkwA ( + C.Waltz mit Pornobalken am Ende?)

LG aus Meenz! J'pense bcp à toi

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