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Bonne année!

Nach einer in jeder Hinsicht erfüllenden Zeit zu Hause im verschneiten Ludwigshaafe und fünf ereignis – und alkoholreichen Tagen in Paris mit den besten Freundinnen, die sich frau nur wünschen kann,sitze ich nun wieder allein in meiner französischen Kleinwohnung (die immerhin sieben gelegentlich torkelnden Mädels einiges an Raum bieten kann) und drücke mich wie immer vor der nervigen Unilernerei,die mich wohl niemals loslässt. Übermorgen werden wir von diesen Umnachteten bereits mit einer Klausur gepeinigt. Wo ist die Message? Nein, love is not the message. Ich schwelge also noch etwas (episches Resteverputzen!), Nostalgie und Kater machen nämlich unproduktiv und faul!

Als ich wieder hier ankam, war es ein bisschen wie in dem Film „Willkommen bei den Sch'tis“: Der Protagonist wird in die nordfranzösische Region Nord–Pas–de–Calais versetzt und wäre doch so gerne ans Mittelmeer gezogen. Kaum sieht er, ohnehin schon schlechter Laune, das Straßenschild, das auf die laut Klischees scheußliche Gegend hinweist, beginnt es, wie aus Eimern zu regnen. Daran fühlte ich mich erinnert, als ich im von lauwarmem Pisswetter heimgesuchten Paris landete, nachdem ich im hübsch verschneiten Mannheim eingestiegen war. Als ich dann auch noch meine Dusche voller Stücke Wandverputz vorfand, war's halt aus. Mann, mann, ich dachte echt, da wär' einer eingebrochen! In der Badezimmerdecke führt ein Schacht senkrecht nach draußen und wird unten von einer Klappe abgedeckt. Die lag nun auf dem Duschboden. Als sei das nicht genug, schien in meinem Schlafzimmer eine Art Massakar oder Explosion stattgefunden zu haben. Mein Regal war nämlich über und über bespritzt mit ominöser braunrötlicher, bereits eingetrockneter Flüssigkeit (Exkremente? Rattenblut? Rost?).

Da ist man schon todestraurig und steckt voller Heimweh und wird dann auch noch mit Zement in der Dusche und Scheiße an der Wand konfrontiert. Das dachte ich mir so. Nachdem niemand mir einen fachmännischen Rat geben konnte, weder die Mädels noch sämtliche Skypebeobachter, entfernte ich es mit Wasser. Ging gut weg. Den Ursprung aber konnte ich niemals klären ... In der Dusche half mir – man lese und staune – mein Nachbar! Ermutigt durch die Anwesenheit meiner Freundinnen (wer greift sieben vollkommen überdrehte Leute an?) fragte ich ihn um Rat und er sagte, das sei der Wind gewesen. Das passiere manchmal. Das sei normal. Stieg auf einen Hocker und verschloss den Schacht wieder. Wer hätte gedacht, dass sich jemand, der Leuten Klodeckel vor die Tür legt, nochmal als hilfreich erweisen würde?

Dank meiner lieben Gäste konnten mich der architektonische Mangel und die Gülle in meinem Schlafzimmer aber nicht trist stimmen! Wir kauften fromage und vin blanc, wir besuchten die Rue Daguerre, wir besuchten überhaupt sehr viel, den Cimetière Père Lachaise zum Beispiel, auf dem nicht nur Jim Morrison sondern auch Oscar Wilde liegt und dessen Grab wirklich sehr seltsam gestaltet ist...

Wilder Engel

 Wer da wohl drin liegt?

Außerdem statteten wir dem Louvre einen Besuch ab. Ich kann den immerwährenden Hype um „La Jaconde“, die schöne Mona Lisa, gut verstehen. Die Frau sitzt da in ihrem Rahmen, scheint genau zu wissen dass alle sie sehen wollen und beäugt die alberne, permanent blinkende Menschenmasse verschmitzt. Ist schon beeindruckend. Der Eiffelturm stand zur Hälfte im Nebel und gab nicht soviel her als Fotomodell, dafür scheinen die Pariser nicht mitbekommen zu haben, dass Weihnachten vorbei ist und also war ein Weihnachtsmarktbesuch nahe Trocadéro inklusive vin chaud auch noch drin. Sogar einen Rodelberg für die Kinners haben sie aus Kunstschnee hingebaut.

Beim Hôtel de Ville drängelten sich die Leute um eine Schlittschuhlauffläche und die Schlangen vor sämtlichen guten Gebäuden (Notre Dame, Centre Pompidou) waren peinlich lang.

Die Silvesterfeierei ist hier so mittelgut. Genialerweise haben wir's genau wie die Touris und Assis gemacht und sind zur Avenue des Champs – Elysées gefahren, um ein bisschen Feuerwerk zu gucken. Ich sag's euch, das war schlimmer als Wurstmarkt.

Mit dem Unterschied vielleicht, dass in der Metro keiner geraucht oder die Scheiben angekotzt hat. Aber vor Ort! Was do los is'! Wir standen im Kreis und versuchten verzweifelt den Sekt in die Plastikbecher zu schütten, wir wurden hin und her gedrängt, auf einmal war's zwölf und niemand hatte runtergezählt! Dann hat's einmal kurz geknallt, annähernd feuerwerkähnlich, die Leute schrien OH und AH, aber am Himmel war nix zu sehen! Das war fad. Wir stießen trotzdem an. Proscht Neijohr! 

Vor Ort wollten wir nicht bleiben, wir fuhren zum Montmartre, Sacré – Coeur, trafen weitere Deutsche. In Paris gab es gestern keine Franzosen. „Ach, seid ihr auch Deutsche? Wo kommt ihr her? Aus der Pfalz?“ Wir: „AHJOO!“ Ich sage ja, wir haben überall Spaß. Auch wenn in der Bar, in der man sitzt, laut Kellner ein Taschendieb umgeht, der Tequilashot so teuer ist wie ein Bier, draußen irgendwelche Assis einen beleidigen, der obligatorische Döner mit Mayo und Ketchup und Pommes in einer Box ist und man bei der Heimfahrt einem nervigen, hohlen Halbstarken die gansö seit einö bisou auf die backö gebön soll.

Das also war Silvester in Paris und wir haben vielleicht nicht das Beste, aber doch mindestens das Zweitbeste draus gemacht. Vorsatz: Plane die nächste Feierei in Paris.

Also Frohes Neues Jahr!

 

1.1.11 19:33


J'aime!

Ich habe nun schon von mehreren Lesern zu hören bekommen, mein Blog wirke stellenweise etwas franzosenfeindlich. Dieses Missverständnis möchte ich fix aus dem Weg räumen, ich lebe schließlich hier und will's mir mit keinem Landsmann verscherzen!

Rege ich mich über die Langsamkeit der Franzosen auf, ist es nur Ausdruck meines schier unendlichen Neids auf ihre Gabe, Probleme mit unerschütterlicher Ruhe und Gleichgültigkeit kunstvoll zu missachten. Ist die Herzinfarktrate wesentlich niedriger als in Deutschland? Würde mich nicht wundern.

Dann hätten wir ja noch den Straßenverkehr, der auf Frankreichs Autobahnen traumhaft gut funktioniert, weil es keine lästigen Raser gibt. Sobald man sich aber auf dem boulevard périphérique befindet, um in Paris einzufahren, bekommt man Todesangst. Also als Deutscher. Denn als solcher, das lernen wir in unserem bereits erwähnten Kurs „Communication interculturelle“, tendiert man dazu, sich an Regeln zu halten und sich darauf zu verlassen, dass auch andere dies gewissenhaft tun, insbesondere, wenn es ums Autofahren geht. Nicht so in Paris! Von der Nettigkeit anderer auszugehen, IST EIN FEHLER. Ich übertreibe nicht. Eine gute Freundin, die mich in Paris besucht hatte und nach einer Odyssee heil daheim angekommen war, postete erleichtert auf Facebook, sie führe künftig nur noch auf Ketten nach Paris. (Man zeige diesen Satz bitte keinem Franzosen, es tut mir Leid, das musste rein^^)

Es ist, als käme man als Kind in einen Kiosk und erwartet, ein Bonbon geschenkt zu bekommen, weil man so süß ist und für Mami eine Illustrierte kauft. Der mürrische, dicke Verkäufer aber denkt gar nicht daran, einem das Bonbon zu gewähren, er will die Bonbons für sich und stopft sie vor den Kindesaugen in sich hinein. Wenn das Kind wirklich ein Bonbon will, bleibt ihm nichts anderes übrig, als den Verkäufer abzulenken („Ich hätte gern noch ein Päckchen Zigaretten“ und schnell und geschickt in das Bonbonglas zu greifen.

Übertragen wir das auf die avenues parisiennes: NIEMALS wird, geneigter Fahrer, dir ein anderer Fahrer Vorfahrt gewähren, dich in eine Lücke lassen, das Reißverschlussverfahren anwenden, bei einem Zebrastreifen ohne Ampel halten. Selbst dein Navigationssystem wird dich bei der Suche nach dem teuren Parkhaus im Stich lassen und sich auf die Seite des verwirrenden Parisersystems schlagen, es wird dich mit freundlicher Stimme in Sackgassen locken, dich in Einbahnstraßen lotsen, dir vorgaukeln, das Ziel sei nahe, nur um dich kurz darauf zu bitten, wenn möglich umzukehren.

In Deutschland ist eines der wichtigsten Dinge die Vorfahrt des Kreisverkehrs. Wie oft hat man diesen blöden Kreisel geübt. In den zweiten Gang, schön warten, ob das kommende Auto rechtsblinkt, sich ärgern, wenn es nicht blinkt und doch den Kreisel verlässt. Man ist routiniert.

Man hat Todessehnsucht und entscheidet sich beim Arc de Triomphe ein bisschen zu cruisen. Hier haben wohl die von außen Vorfahrt, der Kreisel stoppt manchmal. Es ist besser als Kino, auf den Arc de Triomphe zu steigen und einfach zu genießen, wie Spielzeugautos nicht wissen, wo sie hinfahren.

 Einer der Texte die wir in besagtem Kurs lesen, zeigt, dass die agressive Fahrweise der Franzosen genauso durch ihre Erziehung bedingt ist, wie die rücksichtsvolle Fahrweise der Deutschen: die Franzosen unterstellen einander von vornherein einen Hang zur Regelwidrigkeit und werden also umso aufmerksamer und rücksichtslos fahren! Das ist purer Überlebenswille! Lange Rede, kurzer Sinn, Hut ab vor der Fahrtüchtigkeit der Franzosen und ihrer Musikalität wenn es ums Hupen geht. Morgen für Morgen ist ein solches Konzert mein Wecker.

Ein weiterer Punkt, der mich einen leichten Knicks vor den französischen Schülern und Studenten machen lässt, ist dieser Leistungsdruck, unter dem sie permanent stehen müssen. Um mich wieder auf unseren Kurs zu beziehen, der kleine Franzose wird demnach von Kindesbeinen an auf Karriere getrimmt, bloß keine Fehler machen! Da kann man ja nicht anders, als entweder ein easygoing Chiller oder ein karrieregeiler Elitestudent werden. Oder beides. Kein Wunder, dass die französische Mentalität einem zuweilen etwas schizophren erscheint! Einerseits savoir-vivre, baguette, camembert, soupe du jour, boeuf, andererseits carrière, travail, cigarette, portemonnaie!

Aber ist es nicht toll, wenn solche Eigenschaften effizient vereint werden? Ich habe französische Kommilitonen, die das, soweit ich sie einschätzen kann, bis zu einem gewissen Grad repräsentieren. Immer viel lernen, sich aber keinen Stress machen. Ich sag's ja, so wär' ich auch gern!

Schließlich, der Patriotismus. Eine bedingungslose Liebe zu unserem Land ist uns Deutschen nicht vergönnt. Anders als bei den Amis oder eben den Franzosen. Patriotismus hat oft etwas mit Unreflektiertheit zu tun.  

Jeden zweiten Tag der gleiche Smalltalk:

- „Erasmus?“

- „Oui.“

- „Wo kommst du her?“

- „Aus Deutschland.“

- „Oh cool, l'Allemagne, da war ich schon mal!“

- „Oh cool ,wo?“

Einmal ging der Smalltalk etwas anders weiter als sonst.

- „In Hamburg.“

- „Und, hat's dir gefallen?“

- „Ja, war sehr toll! Naja, es ist nicht Paris, aber..“

- „Nein, das ist es nicht.“

- „Zuerst hatte ich ja etwas Angst, hinzufahren.“

- „Warum?“

- „Du weißt schon...wegen der ganzen Geschichtsbücher und so...“

-  „Aha.“ (Ich würde gerne sagen, dass es damals auch französische Schweine gab, die kollaboriert haben, aber das Wort für Schwein fällt mir nicht ein.)

So. Und genau davon spreche ich. Das nervt mich. Das ist unsensibel und ich wette, hätte ich etwas derartiges über Frankreich gesagt, wäre die Antwort nicht „Aha“ gewesen. Außer über Sarkozy vielleicht. Aber auch hier spricht wieder der Neid aus mir. Die Franzosen haben ihre Liebe zum Land und zu ihrer Sprache, sie lieben ihre Sprache so sehr, dass sie sich absolut dagegen wehren, andere richtig auszusprechen. Als wir mal darüber sprachen, wie Englisch in der französischen Schule beigebracht wird, kam heraus, dass es als uncool galt, Englisch englisch auszusprechen. Die Franzosen wissen ganz genau, wie sexy sie klingen!Erinnern wir uns, bei uns war es peinlich, wenn man das „th“ wie „s“ aussprach und cool, wenn man keinen german accent hatte. Wie bereits gesagt, wir dominieren unsere französischen Kommilitonen weg im Englischunterricht und die wissen auch ganz genau, dass sie's nicht können. Aber da dies aus ihrem nationalen Selbstbewusstsein resultiert, ist es doch wieder weniger ...dominant^^Ein Freund sagte mal, "die Franzose, selbst wenn se fluchen, klingen se elegant!" Was für eine schöne Sprache, die das von sich behaupten kann!

10.1.11 16:13


Liberté

Over and out. Statistik und Mathe, ihr Quälgeister werdet mich niemals mehr heimsuchen. Jedenfalls nicht in solch reiner und ekelhaft konzentrierter Form wie bisher. HAHA. Ich war dermaßen involviert in die Routine des Rechnens, dass ich mit einer Freundin Gespräche über Gleichungssysteme führte und die Befriedigung, die sie einem bescheren, wenn sie schöne, ganze Zahlen ergeben, den Erfolg, den man verspürt, wenn unter der Wurzel etwas Wurzelbares steht, über die Erleichterung, wenn sich alles zu Eins kürzen lässt. Krank. Ich begann, mich vor mir selbst zu fürchten und fühlte mich irgendwie besessen. Ich kann aber jeden beruhigen, der mir unterstellen will, ich würde doch zum Ökonom taugen, der Exorzismus der MC Zender war höchst erfolgreich durch viel, vieeeel vin rouge!

Es ist unfassbar, wie sehr die Psyche eines armen Studenten unter dem Nonsens leidet, den wir hier auswendig lernen müssen. Auf Französisch. Tragisch, das! Die bringen uns in Dynamique économique Wirtschaftstheorien bei, für die ihre Urheber Nobelpreise erhalten haben. Wir müssen das draufhaben, inklusive Formeln usw. Am Ende jeder Theorie findet sich ein Kapitel mit Kritikpunkten. Man kann die Thesen im Schlaf aufsagen, nur um dann auswendig zu lernen, warum es sich dabei um Humbug handelt. Das ist pädagogisch wertlos und nichts anderes als Schikane.

Aber die Klausurenphase ist seit Dienstag vorbei und ich gammle fleißig. Wirklich. Nach der hoffentlich letzten Matheklausur meines Lebens kam ich nach Hause und war vollkommen überfordert von der plötzlichen Freiheit, die sich mir bot und eine ganze Woche dauern sollte!

Hier gibt es nämlich nicht den Luxus von zweimal Semesterferien im Jahr. Hier beginnt das nächste Semester knallhart direkt nach den Abschlussprüfungen, also morgen. Um neun Uhr. Ich habe Kommilitonen, die bis Freitag Klausuren geschrieben haben!! Das, liebe Nasen der französischen Bildungsexekutive, ist ein gravierender Fehler im System! Epic Fail!

Also mussten wir ausgiebig feiern. Zum ersten Mal seit drei Wochen trug ich etwas anderes als Jogginghose, meine Augen wieder Kontaktlinsen und mein Gesicht Schminke. Ich kam mir vor, wie neugeboren. Nice!

Doch am besten war die Heimfahrt! Überall in Paris gibt es Velib' (Vélo libre)-Stationen. Hier kann man sich ein Fahrrad ausleihen, ein bisschen damit touren und es dann wieder an irgendeiner der 1202 Stationen (Quelle: Wikipedia^^) andocken lassen. Genial! Wir uns also Räder geschnappt (naja, in Wahrheit hat sich das System natürlich genau dann downgeshuttet, als ich an dem Ding stand) und glücklich durch Paris by night gefahren. Die Nacht war ganz mild und das, Leute, das war das Glück. Ich kann den Sommer kaum erwarten. Macht dem Winter endlich den Garaus.

 

 

6.2.11 17:27


Je suis désolée! What took me so long?

Hallo, liebe Freunde, nach langer Zeit konnte ich mich mal wieder zum Schreiben motivieren. Die Inspiration lässt auf sich warten, denn nach den Ferien geht die Uni weiter und da, naja, da passiert nun wirklich nicht mehr viel Neues. Aber heute habe ich die Uni geschwänzt und das aus ganz raisonnablen Gründen:

 

Ich hatte mein erstes französisches Vorstellungsgespräch bei einer Firma, die Wohnungen für Parisliebhaber sucht. Hat nix mit Schreiben zu tun, aber viel mit der Stadt und könnte ja nicht schaden, wenn ich die wenigstens während meines Praktikums richtig kennenlerne.

Ich hab mich très parisienne eingedeckt, mit Blazer, Pumphose und heißen Hochhacken! Die Firma sitzt in der Rue Royale, da ist der Chic, Leute, und ich mittendrin.

Das Gespräch war aber mittelgut. Die wollten von mir, dass ich meinen lettre de candidature nochmal handschriftlich abgebe, das hab' ich nicht geschnallt und sowas auch nicht dabei gehabt, schlechter Eindruck!

Später habe ich den Mitbewohner einer Freundin, Franzose, gefragt, ob das normal sei in France. Sagt er, nee, das sei total überholt, das mache heute keiner mehr! Noch später habe ich eine Kommilitonin, Französin, zufällig in der Rue Daguerre getroffen (echt jetzt!), und sie auch danach gefragt. Sagt sie, jaja, das sei ganz üblich . Hmmm.

Wie auch immer, hatten die vor, meine Handschrift zu analysieren? Diagnostizieren die, dass ich unordentlich bin, weil die Schrift zuweilen verwischt ist? Das ist der Fluch eines jeden Linkshänders, da kann ich doch nix für. Oder komm' ich für den Kundenkontakt nicht in Frage, weil ich zu schief schreibe, bin ich schizophren, weil ich sowohl Schreib-als auch Druckschrift verwende? Ich gebe zu, es hätte mich schon arg interessiert, was das bringen soll. Naja, ich erfahre nächste Woche, ob sie mich nehmen oder nicht. Arte wär' mir lieber.

Ansonsten bricht der Sommer an. Das Herz wird weit und überhaupt alles besser! Bald schon wird man volle Studenten an den Seineufern herumfallen sehen und singen hören, wird sich ein leichter Bier – und Weinduft durchmischt mit Grillaroma über die flussnahen Straßen legen, werden Straßenkünstler zweifelhafte Kunststücke und Zuschauer vorführen, werden Rauchschwaden von Zigaretten und anderem wabern. Der Sonnenuntergang wird noch schöner aussehen, Notre-Dame wird in der Hitze flimmern, die Sacré-Coeur über einem Weinfest thronen, Konzerte und Parties im Freien, Lieeebe in der Luft, ein Traum!

Wenn ich mal groß bin, leb' ich da, wo's immer warm ist! Danke für die Aufmerksamkeit, bald wieder mehr aus Paris, der Stadt der ominösen Sprache, Hochfranzösisch. Denn das fehlt mir hier mit am meisten: ein gepflegter Dialekt! Es ist nicht einfach, gudes Pälzisch zu etabliere hier. Aber neulich antwortete mir eine französiche Kommilitonin, die auch mal in Deutschland war, mit einem gepflegten "AHJOOO".

Alla!

 

21.3.11 21:05


kebab & vin

Manchmal sitze ich rauchend vor Zorn in der Uni und möchte meinen Kopf immer und immer wieder gegen die Wand hauen.

Es ist so, dass meine französischen Kommilitonen wirklich sehr, sehr nett sind. Kommunikativ und interessiert. Klar, sie sprechen in der Regel nicht langsamer, deutlicher und lauter, wenn man sie nicht sofort versteht (es sei denn, sie waren schon mal im Ausland). Das schult aber immerhin mein Ohr und zwingt mich, richtig aufmerksam zu sein.

ABER während ich es nicht unbedingt als Nachteil empfinde, hier kein Muttersprachler zu sein, muss es für nichtfranzösische Dozenten die wahre Hölle sein, uns zu unterrichten.

In einem meiner Fächer unterrichtet eine Russin mit starkem Akzent das Tutorium. Sie ist sehr kompetent, rechnet die übelsten Brüche im Kopf an der Tafel aus und hat's einfach drauf. Dennoch ist es unmöglich, ihr zu folgen, weil der Saal grundsätzlich von nervtötendem Geplapper erfüllt ist, und ihre leise Stimme überlagert. Keiner hält es für nötig, mal ruhig zu sein, und wenn's nur aus Rücksicht wäre. Mittlerweile führt Mme L. nur noch Monologe und schreibt die Lösungen an, weil es nicht passieren wird, dass auf ihre Fragen geantwortet wird.

Was mich aber am allermeisten aufregt, ist die Art und Weise, wie meine Kommilitonen voraussetzen, dass ihnen alles auf dem Silbertablett serviert wird. Mme L. erklärt, warum man da die Ableitung machen muss. Eine Sekunde später meldet sich Jean oder Jaques und fragt, warum man die Ableitung macht. Da könnt' ich ausflippen!!!!!

Am nervigsten ist es, wenn jemand eine Frage stellt und Mme L. diese nicht auf Anhieb versteht, eben wegen des unverschämt hohen Lärmpegels. Dann fragt sie nochmal nach, sagt sie habe die Frage nicht verstanden. Denkt ihr, Claire oder Fabienne würden die Stimme anheben? Nee! Die wiederholen gefühlte 50 Mal die Frage in derselben Laut- bzw Leisestärke und raffen einfach nicht, dass es nicht die Häufigkeit der Wiederholung ist, die ihre Frage beantworten wird.

Ich erzähl' das nicht, weil ich glaube, es ist vielleicht typisch französisch. Ehrlich nicht. Ich meine, es gibt überall hohle, rücksichtslose Idioten. Aber: dieses Verhalten findet man gegenüber französischen Muttersprachlern nicht. Niemals. Da wird von vornherein Autorität unterstellt und das Verhalten entsprechend angepasst. Ruhe im Saal, Beteiligung, kleinlaute Fragen.

Ich erzähl' es eben, weil es mir Kopfschmerzen bereitet und ich schlecht meinen Ärger an der Uni rauslassen kann. Ok, ich könnte auf Deutsch rumfluchen, und alle beleidigen, aber dann hätte ich ja den Ruf einer Verrückten. Zusätzlich zu den Kopfschmerzen.

Apropos verrückt. Wie überall auf der Welt gibt es auch hier schon ziemlich viele komische Leute. An solche Menschen, die Selbstgespräche führen, dich aus großen Augen anstieren, die aufeinmal in der Metro anfangen zu tanzen, ohne hörbare Musik oder auch mal auf einer Parkbank sitzen und eine Wurstpelle auslutschen, gewöhnt man sich.

Darüber eine Geschichte: Gestern saß ich mit einer Freundin am Ufer des Canal St. Martin. Die Atmosphäre ist da wie am Rhein in Mainz oder wie am Weiher in Lu, wie ihr wollt. Gruppen von Leuten, die da chillen eben. Wir saßen da also, vor uns Pseudodöner und eine Flasche Wein, zum Dreiviertel voll. Ein schöner Abend, letzte Sonnenstrahlen, Sommerduft in der Luft, alles sehr nice.

Auf einmal bleibt eine Frau vor uns stehen, zum Betteln. Sie fragt, ob sie ein Stück von dem Döner abbeißen dürfe. Nur ein kleines Stück. Sag ich, nein, aber Sie können gerne meine Pommes haben. Ich war fast satt und dachte, dann könnte ich ihr das ja wenigstens anbieten. Die Frau schüttelt den Kopf und sagt, sie wolle nur ein kleines Stück Döner. Ich biete ihr abermals die Fritten an. Sagt sie: „Na gut, dann nehm ich nur das.“, greift sich blitzschnell die Flasche Wein, sagt noch, „Merci.“ und humpelt, humpelt, davon!

Wir saßen da und waren nur verdattert. Frechheit siegt. Hunger vortäuschen, den Wein stehlen. Wir hätten ihr auch nachgekonnt, wie gesagt, sie hat schwer gehumpelt. Aber weil's uns gut geht und wir wahrscheinlich dreimal soviel haben, sind wir sitzen geblieben und haben später eine neue Flasche gekauft. Der Wein schmeckte dann wesentlich besser.

Also ein weiteres kleines Abenteuer in Päris. Nach anfänglicher Sprachlosigkeit und irgendwie auch Unwohlsein, weil die Frau so...naja, so verzweifelt war, waren wir uns einig, dass wir immerhin eine Anekdote mehr haben.

 

Wir so höhö, leere Metro

 

 
 
 
Louvre!
 
 
 
 
 Gepriesen seien große Werbeflächen!
 
 
 
Jeder schwankt mal
 
 
 
Zuckerwatte in Fontainebleau
 
 


10.4.11 21:27


Ok, du darfst dich betrinken, aber nicht auf der Brücke!

Die französische Notengebung ist der Teufel. 20 Punkte kann man maximal erreichen, mit 10 Punkten hat man gerade so bestanden. Im letzten Test hab' ich 9 Punkte. Und diesmal nicht, weil ich einfach nix kann in Ökonomie sondern weil ich mich verrechnet hab. Formel richtig angewendet, Schritte alle top, aber leider mit den falschen Zahlen.Null Punkte auf 'ne komplette Aufgabe. Schon mal was von Folgefehler gehört?! Dafür hat Pons.de auch keine Übersetzung parat. Schwarzgeärgert hab' ich mich! Aber witzigerweise kann man das auch ganz anders sehen, nämlich französisch. Eine Kommilitonin war zufrieden mit dem gleichen Ergebnis. „Ist doch gut, dann brauchst du zum Bestehen in der Endklausur nur noch 11 Punkte!“

An der Seine passierte auch etwas sehr französisches. Wir saßen zufrieden um unser Bier und ein paar Weinflaschen herum, wie's sich gehört und genossen unser Dasein. Wir taten das auf der Pont des Arts, ist in etwa vergleichbar mit Rheinchillerei in Mainz und Weiherchillerei in Lu. Alle sind da, alle sind froh, in der Luft schwirren Mücken. ABER: Polizisten auch! Halten Ordnung, oder sowas. Meinetwegen, da kann's ja schon mal hoch hergehen mit der Jugend! Und am Wasser ist es ja auch nicht ungefährlich. ABER: Um Punkt elf wurden wir allen Ernstes von der Brücke geschickt. Wegen des Alkohols. Wir hatten seit neun da gesessen und getrunken, aber um elf Uhr muss laut Gesetz die Trinkerei unterlassen werden. Der Polizist war offensichtlich selbst peinlich berührt von seiner Pflicht, aber was soll er machen? Er muss ja mittlerweile auch verschleierten Frauen ein Bußgeld aufbrummen. Totaler Blödsinn. Und jetzt kommt's: Fünf Meter weiter weg, nicht mehr auf der Brücke, aber direkt am Seineufer – durften wir unseren Alk wieder auspacken. Denn wenn man nicht auf der Brücke trinkt, ist die Gefahr des Reinfallens anscheinend gebannt. Haha. Direkt neben den Polizisten AUF DER BRÜCKE, zogen ein paar Checker übrigens so richtig einen durch. Welch Duft sich da zu den Mücken gesellte, himmlisch! Und offenbar legal.

 

Schöne Pont des Arts

 

 

Das passiert, wenn man an der Seine Wahrheit oder Pflicht spielt!

 

 

So ein Hausboot ist was Feines <3

 

 

Briefkästen für die Hausboote

 

 

 

 

 

1.5.11 18:18


Fertig Fertig Fertig Popertig!

Uiuiuii, Shame on me!

Gut, dass ich kein Tagebuch schreibe, ich betreibe diesen Blog ja beinahe so unregelmäßig, wie ich mein Studium betrieben habe! Ja, HABE! Vor ein paar Tagen HABE ich meine Bachelorarbeit abgegeben, oder sagen wir besser, voller Inbrunst in das Fach meiner Dozentin gepfeffert und ihr, also der BA, mit einem letzten bösen Blick den Rücken zugekehrt!

Ich fühlte mich leicht wie eine Feder, stattete dem Erasmusbüro noch einen Besuch ab, erhielt sogar das Dokument, das ich benötigte beinahe umgehend (der Drachen hauste gerade nicht in seiner Höhle) und hüpfte leichtfüßig zum Bahnhof, in den just in dem Moment, in dem ich ankam, der RER einfuhr und mich ganz ohne Unterbrechungen nach La Défense chauffierte, wo ich ausstieg und in die Linie 1 stieg, die auch weniger vollgestopft schien als sonst, mit rücksichtsvolleren und wohlriecherenden Passagieren darin, um bei Station Pont de Neuilly das strahlende Sonnenlicht zu erblicken und eine sanfte Brise spürte, die meine an dem Tag perfekt sitzende Frisur sympathisch durchfuhr und mich zum Eingang des großen Gebäudes kurz vorm Megazentrum des pariser, nein, des gesamten französischen Kapitalismus begleitete. Ich gesellte mich zu Anzugträgern im Aufzug und fuhr in den sechsten Stock, flötete „Bonjour“ zur Rezeptionistin, tänzelte zum Büro und ließ mich nach einem weiteren Gruß an meine bereits geschätzten Kollegen auf meinen Stuhl vor meinen Computer fallen.

Hier ist mein Platz für die nächsten 8 Wochen, mein Praktikumsplatz, den ich tatsächlich gefunden habe. Ich arbeite als unbezahlte Übersetzerschlampe für eine Holding bestehend aus fünf Menschen inkl. mir, die Informationen für Klienten bereitstellt, die im Ausland ein Praktikum machen oder studieren wollen und diese an eine ihrer eine Million Partneruniversitäten etc. auf allen fünf Kontinenten weiterleitet. Die Webseite wird neugestaltet, ein besseres, internationaleres Image muss her und also auch Übersetzer. Ich glaube, ich hab vom ganzen Tippen ein entzündetes Handgelenk, aber ich könnte froher nicht sein.

Unerklärlicherweise haben die Menschen von der Uni es geschafft, die Klausuren, die wir erst vor zwei Wochen geschrieben haben, schon zu korrigieren und unerklärlicherweise habe ich dieses zermürbende Jahr – bestanden. Ich so AAAAAHHHH. Und jetzt hab ich irgendwie keinen Stress mehr. Das ist ein ganz komisches Gefühl. Ganz, ganz komisch.

Was ist noch so passiert in den letzten beiden Monaten? Nicht besonders viel. Ein paar Erkenntnisse hab ich aber gewonnen:

  • Pariser Tauben sind dreister und fetter als normale Tauben.Haarscharf fliegen sie an einem vorbei und nerven einfach nur.

  • Schaben im Bad sind nicht mehr so schlimm, hatte man die erste in der Hand (um sie zu retten. Ich kann einfach keine Viecher töten. Ich schmeiße sie mit der bloßen Hand aus dem Fenster).

  • Wenn es 36 Grad im Schatten ist, stinken die Metrogänge noch mehr nach Urin. Und überhaupt Exkrementen. 

  • Die italienische Kette Amorino macht das epischste Eis.Beste Sorte: Mango. Alter Falter, da lohnen sich 3,50 pro 1 Kugel. Große Kugel.

  • Die französische Sprache lässt sich manchmal einfach ins Deutsche übertragen und dermaßen genial interpretieren. "Außer, man ist autorisiert"

 

  • Pariser Kellner sind nur unfreundlich, wenn sie merken, dass sie keine Muttersprachler bedienen.

  • Löcher im Dielenboden vergisst man ganz schnell, wenn man eine Zeitung darauf platziert.

  • Wenn der Prof nicht kommt, wird die Klausur auch nich geschrieben. Sie wird verlegt auf den darauf folgenden Tag. BWL Studenten, die zufällig an diesem Tag schon nach Hause fahren wollten und ihr Ticket bereits gebucht haben, bekommen einfach ihre brillante Note aus dem vorhergehenden Test für das komplette Fach angerechnet.

  • BWLer sind unzufrieden mit 14 Punkten, VWLer feiern, wenn sie gerade so bestanden haben.

  • Egal, wie traurig man ist, ein Zebra an der Wand kann einen immer aufmuntern.Es heißt Philippe und begrüßt mich jeden Tag, wenn ich nach Hause komme. 

  • 20 Minuten an einer Kasse zu stehen ist nicht die längste Wartezeit.

  • Es ist möglich, vier mal in den gleichen Kinofilm zu gehen, wenn er in Paris spielt und von Woody Allen stammt.

  • Menschen, die zur Pariser Comic Con' reisen, sehen witzig aus.

  • Wenn der RER B streikt, geht ganix mehr.

  • Die Bibliothèque Francois Mitterrand im 13. Arrondissement hat ihren eigenen Wald, und zwar im Boden drin.

  • Im sechsten Stock zu wohnen (ohne Aufzug) fällt gar nicht mehr so auf.

  • Mano Solo ist tot. Großartiger Sänger. Wundervolle Lieder. Viele über Paris. Da läuft man über den Cimetière Père Lachaise und wird per Grab mit dessen Ableben konfrontiert.

 

  • Die Bar „Piano Vache“ nahe dem Pantheon ist gemütlich und spielt antike Punkmusik.

  • Auf dem Montmartre klimpert in einer Crèperie zuweilen ein hübscher Pianist und singt mit mittelguter Stimme Beatles und Ray Charles. Hit the Road, Jack!

 

  • Karussell fahren in der Nähe des Eiffelturms versetzt einen beinahe wie den Herrn der Diebe zurück in die Kindheit.

  • Die Franzosen sind zwar bekannt für ihre Haute Cuisine, das hindert sie aber nicht, Verbrechen an Kohlenhydraten zu begehen

 

  • Selbst auf ihren Zucker drucken sie ihr Lebensmotto

 

  • Talent zu effizientem Autofahren kann ich den Parisern immernoch nicht attestieren, muss aber zugeben, dass der Blick vom Arc de Triomphe auch ein anderes Schauspiel als Chaos bieten kann

 

  • Es existiert eine Rue Goscinny inkl. Sprechblasen auf dem Straßenpflaster. Asterix ftw! "Nein, du wirst nicht singen!"

 

  • Ich glaube, das Centre Pompidou ist eines meiner Lieblingsmuseen. Da gibt's Ausstellungen mit Fliegenpilzen und lustigen Höhlen! Und wenn doch jeder Zaun so schön wäre!

 
 

 

  • Immerwieder stolpert man über wunderbare Wiederholungen!

 
 
  • Unsere Zuckerwatte ist bei den Franzosen Papas Bart!

 

 

Das Leben in Paris wird immer besser! Im Moment fühle ich mich so:

 

 

Bonne Nuit, les Enfants! 

 

 

 

 

 

 


6.7.11 00:00


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